Buckelwal in der Ostsee: Häufig gestellte Fragen

Uns erreichen zahlreiche Fragen zum Buckelwal in der Ostsee, insbesondere zu möglichen Maßnahmen zur Unterstützung des Tieres. Dabei stehen Themen wie eine gezielte Lenkung, der Einsatz von Hilfsmitteln oder medizinische Behandlungen im Mittelpunkt.

Die folgenden Antworten geben eine sachliche Einordnung auf Grundlage des aktuellen Forschungsstandes. Sie erläutern, welche Maßnahmen unter den gegebenen Bedingungen möglich sind und wo praktische, biologische oder technische Grenzen bestehen.

(Stand: 07.04.2026 | 15 Uhr)

Es gelangen immer wieder Großwale in die Ostsee. Einige von ihnen finden den Weg wieder heraus, andere leider nicht. Als Institution verantworten wir seit Jahren das Sichtungs- und Totfundmonitoring von Meeressäugetieren an den Küsten Mecklenburg-Vorpommerns. Dabei erreichen uns regelmäßig Meldungen zu den in der Ostsee heimischen Schweinswalen und Kegelrobben. Die erhobenen Daten fließen in unsere Forschungsprojekte. Vor zehn Jahren führten die Ergebnisse aus dem Projekt „SAMBAH“ zu einem neuen Schutzgebiet in der schwedischen Ostsee.

Seltener sind die Meldungen von Großwalen, wie im aktuellen Fall. Aber auch das kam in der Vergangenheit vor: Bereits 2003 und 2006 sind Buckelwale an der Ostseeküste gestrandet und wurden tot geborgen.

Bei einem gestrandeten Wal können mehrere Ursachen zum Tod führen.

Hauptgründe für das Sterben eines Wales am Strand sind Lageschäden, Überhitzung und Vorschädigungen z. B. durch Infektionen. In fast allen Fällen führen diese verschiedenen Ursachen, häufig in Kombination, zu einem akuten Herz-Kreislauf-Versagen.

Lageschäden entstehen durch das Zusammenspiel der langen Liegezeit mit dem hohen Körpergewicht. Durch die Kompression werden dabei insbesondere Schäden an der Lunge verursacht. Die Lunge wird dabei nicht mehr vollständig belüftet, so dass einige Teile sich durch Gewebeschäden mit Flüssigkeit füllen. Dadurch sinkt die Sauerstoffversorgung des Körpers, was unter anderem die Herzfrequenz und den Kreislauf beeinflusst. Auch in anderen Organen sammelt sich dann durch Gewebeschäden Flüssigkeit, die die Funktionsweise einschränkt.

Ist die Lunge geschädigt, beeinflusst dies auch die Kühlung des Körpers. Da ein Wal durch seine Fettschicht sehr gut isoliert ist, kann dies zur Überhitzung führen.

Vorschädigungen können durch Verletzungen, etwa durch Fischernetze, aufgenommene Fremdkörper, Infektionen und Nahrungsmangel entstehen.

Eine genaue Einschätzung kann nur durch eine wissenschaftliche Obduktion des Tieres erfolgen.

Nein, eine Euthanasie ist für Großwale wissenschaftlich noch nicht genügend erprobt und birgt erhebliche Risiken für das Tier aber auch für die durchführende Person.

Wale erfüllen eine wichtige Funktion im Nahrungsnetz der Ozeane. Nach dem Fressen in den Tiefen des Meeres kehren sie zum Atmen an die Wasseroberfläche zurück. Dadurch bewegen sie Nährstoffe nach oben. Gleichzeitig dient der an der Oberfläche abgesonderte Kot als Nahrungsquelle für Phytoplankton.
Nach ihrem Tod sinken sie auf den Meeresboden und stellen dort eine wichtige Nahrungsressource für eine Vielzahl von Arten dar.

Der Wal wird mit Beteiligung externer unabhängiger Expert*innen obduziert. Der Walkörper und seine Organe werden dabei vermessen, gewogen und beprobt. Der Körper des Wals und die Proben werden eingehend untersucht, um eventuelle Krankheiten und die Todesursache festzustellen. Anschließend erfolgt eine Sicherung der Proben, um sie der Wissenschaft auch später zur Verfügung stellen zu können. Ein Großteil des Walkörpers wird fachgerecht durch ein spezialisiertes Entsorgungsunternehmen behandelt.

Dem Institut für Biowissenschaften der Universität Rostock liegt ein Angebot zur wissenschaftlichen Sicherung des Skeletts vor, das derzeit geprüft wird. Ziel wäre es, das Skelett für Forschung, Lehre und öffentliche Bildungsarbeit zu nutzen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung solcher seltenen Ereignisse leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis und Schutz von Meeressäugern.

Eine verlässliche gezielte Steuerung des Wals ist nach heutigem Forschungsstand nicht möglich.

Akustische Lock- oder Leitmanöver sind wissenschaftlich interessant, aber für einen echten Rettungseinsatz derzeit nicht belastbar genug und potenziell kontraproduktiv. Es gibt zwar eine Studie die zeigt, dass Buckelwale auf einzelne abgespielte Laute reagieren können. Die Autoren beschreiben das als seltenen, experimentellen Einzelfall und nicht als Steuerungswerkzeug, da das Tier auf andere abgespielte Laute wiederum nicht reagierte (McCowan et al., 2023).
Weitere Ergebnisse unterstreichen, dass Vokalisierungen wie z. B. Walgesänge nicht als Leithilfe in Frage kommen. In einer Studie wird beschrieben, dass Buckelwale, die sich verschwommen hatten, weder von den Lauten der Artgenossen noch von denen der Fressfeinde geleitet wurden (Gulland et al., 2008). Eine weitere Studie verdeutlicht die Reaktionen auf Boote, z. B. bei Whale-Watching-Touren. Diese zeigt, dass es zu einer Vermeidungsreaktion kommt: Der Lärm führte beim Buckelwal zu einer erhöhten Schwimmgeschwindigkeit, erhöhter Atmungsfrequenz und verringerten Tauchphasen (Currie et al., 2021). Solche Fluchtreaktionen sind sehr energieaufwendig, vor allem für ohnehin geschwächte Tiere.

Für den praktischen Einsatz gilt deshalb, dass man einen Buckelwal nicht zuverlässig mit Ruftönen “anlocken” und schon gar nicht präzise in Richtung Nordsee dirigieren kann.

Die geografische Beschaffenheit der Ostsee erschwert den Weg in den Atlantik: Sie ist vergleichsweise flach und durch zahlreiche Sandbänke, Buchten sowie ausgedehnte Küstenabschnitte geprägt. Ein kurzfristiges Begleiten des Tieres in flacheren Gewässern kann unter Umständen gelingen, eine durchgehende Eskorte bis in den Atlantik ist jedoch nicht realisierbar.

Der Einsatz von Hilfsmitteln, um den Wal zurück in den Atlantik zu führen, ist nach aktuellem Forschungsstand nicht erfolgversprechend. Frühere Versuche, verirrte Großwale mithilfe akustischer Lockmittel zu lenken, zeigten keine nachweisbare Wirkung (Gulland et al., 2008).

Auch der Einsatz von Pheromonen zur Lenkung von Buckelwalen stellt keine geeignete Maßnahme dar. Zwar nutzen Buckelwale diese während der Paarungszeit in tropischen Gewässern zur Partnerwahl, sie spielen jedoch keine Rolle bei der Navigation oder Orientierung der Tiere.

Eine Entfernung des Netzes aus dem Maul des Wales ist derzeit nicht möglich. Als Wildtier lässt sich der Wal nicht gezielt kontrollieren oder zu einem bestimmten Verhalten veranlassen. In der Wismarer Bucht befand sich das Tier zudem im Wasser mit einer Tiefe von etwa 1,60 bis 2 Metern, was den Zugang zusätzlich erschwerte.

Darüber hinaus müsste der Wal sein Maul aktiv öffnen, um eine Entfernung der Netzreste zu ermöglichen. Diese sind jedoch bereits so weit zurückgeschnitten, dass sie von außen nicht mehr erreichbar sind. Des Weiteren ist derzeit unklar, ob und wie weit die Netzreste im Maul oder gar tiefer eingewachsen sind.

Eine gezielte Verbesserung des Hautzustands ist unter den gegebenen Umständen nicht möglich. Die Hautveränderungen des Buckelwals sind mit der sogenannten „Fresh water skin disease“ (Duignan et al., 2020) vereinbar, einer Erkrankung, die auftritt, wenn Wale über längere Zeit in Gewässern mit zu geringem Salzgehalt verbleiben, wie etwa in der Ostsee. Typische Symptome sind großflächige Hautläsionen und Geschwüre; chronische Wunden können zudem von Algen- oder Pilzbewuchs überlagert werden. Bei anhaltender Belastung drohen Überwässerung, Elektrolytstörungen und im schlimmsten Fall Organversagen.

Eine medizinische Behandlung vor Ort ist kaum durchführbar. Ein ausgewachsener Buckelwal wiegt mehrere Dutzend Tonnen und verfügt über eine sehr dicke Fettschicht (Blubber). Zudem handelt es sich um ein Wildtier mit erheblicher Kraft, sodass bereits leichte Bewegungen ein erhebliches Risiko für Einsatzkräfte darstellen.

Auch eine medikamentöse Behandlung, etwa durch Injektionen, ist technisch schwierig und mit Unsicherheiten verbunden. Nadeln müssten tief eindringen, um wirksam zu sein, wobei sich Wirkstoffe im Fettgewebe oft ungleichmäßig verteilen. Die Wirksamkeit intramuskulärer oder subkutaner Medikamentengaben ist bei frei schwimmenden Großwalen technisch und pharmakologisch schwer vorherzusagen.

Sollte der Wal jedoch den Weg zurück in den Atlantik finden, bestehen gute Chancen, dass sich der Hautzustand verbessert, sofern die Hautprobleme überwiegend auf die niedrige Salinität zurückzuführen sind.

Antibiotikagaben bei frei schwimmenden Großwalen sind beschrieben, bleiben aber seltene Einzelfallmaßnahmen mit begrenzter Evidenz. Die Studienlage ist jedoch bislang sehr begrenzt, sodass belastbare Erkenntnisse zu Wirksamkeit, geeigneter Dosierung und möglichen Nebenwirkungen fehlen.

Vor diesem Hintergrund ist ein Einsatz beim derzeitigen Tier in der Ostsee nicht zu empfehlen. Zusätzlich sprechen auch die praktischen Rahmenbedingungen – insbesondere die eingeschränkte Zugänglichkeit des Wales und die damit verbundenen Risiken – gegen eine Durchführung.

Buckelwale sind spezialisierte Filterfresser. Anders als viele andere Tiere können sie ihre Beute nicht einzeln greifen oder aktiv „fressen“. Stattdessen nutzen sie eine hochspezialisierte Jagdtechnik: das sogenannte Lunge-Feeding. Dabei schwimmen die Tiere mit relativ hoher Geschwindigkeit in dichte Schwärme aus Krill oder kleinen Fischen wie Heringen hinein, öffnen ihr Maul weit und nehmen enorme Mengen Wasser auf. Anschließend pressen sie das Wasser durch ihre Bartenplatten. Das Wasser wird wieder hinausgedrückt, während die Nahrung im Maul zurückbleibt und geschluckt wird. Dieses System funktioniert nur, wenn sehr viele Beutetiere gleichzeitig vorhanden sind. Einzelne Fische, die man dem Wal hinhält, können auf diese Weise schlicht nicht aufgenommen werden.

Currie, J., J., McCordic, J. A., Olson, G. L., Machernis, A. F., Stack, S. H. (2021): The Impact of Vessels on Humpback Whale Behavior: The Benefit of Added Whale Watching Guidelines. Frontiers in Marine Science 8:601433.

Gulland, F. M. D., Nutter, F., Dixon, K., Calambokidis, J., Schorr, G., Barlow, J., Rowles, T., Wilkin, S., Spradlin, T., Gage, L., Mulsow, J., Reichmuth, C., Moore, M., Smith, J., Folkens,P., Hanser, S. F., Jang, S., Baker, S. (2008): Health Assessment, Antibiotic Treatment, and Behavioral Responses to Herding Efforts of a Cow-Calf Pair of Humpback Whales (Megaptera novaeangliae) in the Sacramento River Delta, California. Aquatic Mammals 34 (2): 182-192.

McCowan, B., Hubbard, J., Walker, L., Sharpe, F., Frediani, J., Doyle, L. (2023): Interactive bioacoustic playback as a tool for detecting and exploring nonhuman intelligence: “conversing“ with an Alaskan humpback whale. PeerJ 11:e16349


Weitere Häufig gestellte Fragen

Die folgenden Fragen wurden von dem dänischen Walforscher Dr. Carl Chr. Kinze beantwortet. Er war als Gasteditor an der Publikation „Meer und Museum – Wale und Robben in der Ostsee“ beteiligt, die gemeinsam mit dem Deutschen Meeresmuseum und weiteren wissenschaftlichen Partnern entstanden ist.
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Buckelwale kommen immer häufiger in der Ostsee vor. Meistens handelt es sich um unerfahrene Jungtiere. Grund des vermehrten Auftretens ist das stetige Anwachsen der nordatlantischen Buckelwalpopulation. Buckelwale in der Ostsee sind keine Irrgäste, sondern Gastarten, die sich hier normalerweise gut zurechtfinden können. Unabhängig davon stellt der Lebensraum Ostsee insgesamt zunehmend eine Herausforderung dar – nicht nur für gastierende Buckelwale, sondern für zahlreiche dort lebende Arten.

Gesunde Buckelwale folgen anscheinend während ihres Ostseeaufenthalts zwei Routen: einer kurzen rund um Bornholm und zurück in das Skagerrak und einer langen – inklusive des Bottnischen Meerbusens – die ganze Ostsee herum.

Im vorliegenden Fall deutet vieles darauf hin, dass das Tier eine der kürzeren Routen eingeschlagen hat und sich dabei vermutlich – entweder außerhalb oder innerhalb der Ostsee – in einem Fischereigerät verfangen hat.

Anhand von eindeutigen Foto-Identifikationen ist belegt worden, dass Buckelwal-Individuen in die Ostsee hinein und wieder hinausgeschwommen sind und sogar, dass dasselbe Tier über Jahre mehrmals die Ostsee besucht hat. Gäbe es rund um die Ostsee keine menschlichen Aktivitäten wie das Aussetzen von Fischnetzen, kämen unerfahrene Jungtiere weit glimpflicher und wahrscheinlich auch erfahrenere von ihren Ostseebesuchen wieder davon.

Man unterscheidet im deutschen Sprachgebrauch noch nicht zwischen verschiedenen Wal-Ökotypen. Es gibt vier Kategorien: heimische Arten, zwei Typen von Gastarten (Dauer oder Saison) und eben die echten Irrgäste. Buckelwale gehören ferner zu den Walarten, die sich in seichten Gewässern wie der Ostsee sehr wohl zurechtfinden und auch dort Nahrung finden können. Sie sind Schwarmfischfresser. 

Man geht a priori davon aus, dass allen lebend gestrandeten Walen geholfen werden kann. Nicht jedes Tier kann aber „gerettet“ werden. Etliche Ostsee-Buckelwale hatten ohnehin keinen „Rettungsbedarf“. Völlig unklar ist auch, was mit einer Rettung gemeint sein sollte. Auf jeden Fall wäre es ein sinnloses Unterfangen, einen Buckelwal unter großem Aufwand in den Nordatlantik zu verfrachten oder dorthin zu begleiten. Wir Menschen tragen die volle Verantwortung für eine fortschreitende Misshandlung der Natur im Allgemeinen und der Ostsee im Besonderen. Will man künftige „Ostsee-Buckelwale“ gezielt retten, muss man die gesamte Ostsee nachhaltig-ökologisch gestalten.  

Man kann nicht alle Wale „retten“ und sollte nur jenen Hilfe leisten, wo es günstige Umstände erlauben. Aber auch in diesen bei Großwalen seltenen Fällen besteht keine „Rettungsgarantie“.  Leider ist die Lage je nach Walart und Lokalität sowie dem körperlichen Zustand des Individuums sehr komplex und eine patentierte Rettung für sämtliche Walarten und -individuen existiert nicht. 
Das Nichts-tun und das In-Ruhe-lassen – oft die einzig mögliche und sinnvolle Option bei Großwalen – erweckt große Emotionen und führt zu Vorwürfen und Schuldzuweisungen. Die Sorge um ein Einzeltier hilft nicht der Buckelwalpopulation im Nordatlantik. 


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