Buckelwal in der Ostsee: Einschätzung der Handlungsmöglichkeiten

Uns erreichen zahlreiche Fragen zum Buckelwal in der Ostsee, insbesondere zu möglichen Maßnahmen zur Unterstützung des Tieres. Dabei stehen Themen wie eine gezielte Lenkung, der Einsatz von Hilfsmitteln oder medizinische Behandlungen im Mittelpunkt.

Die folgenden Antworten geben eine sachliche Einordnung auf Grundlage des aktuellen Forschungsstandes. Sie erläutern, welche Maßnahmen unter den gegebenen Bedingungen möglich sind und wo praktische, biologische oder technische Grenzen bestehen.

Wie kann der Wal geleitet werden, um den Weg zurück in den Atlantik zu finden?

Eine verlässliche gezielte Steuerung des Wals ist nach heutigem Forschungsstand nicht möglich.

Akustische Lock- oder Leitmanöver sind wissenschaftlich interessant, aber für einen echten Rettungseinsatz derzeit nicht belastbar genug und potenziell kontraproduktiv. Es gibt zwar eine Studie die zeigt, dass Buckelwale auf einzelne abgespielte Laute reagieren können. Die Autoren beschreiben das als seltenen, experimentellen Einzelfall und nicht als Steuerungswerkzeug, da das Tier auf andere abgespielte Laute wiederum nicht reagierte (McCowan et al., 2023).
Weitere Ergebnisse unterstreichen, dass Vokalisierungen wie z. B. Walgesänge nicht als Leithilfe in Frage kommen. In einer Studie wird beschrieben, dass Buckelwale, die sich verschwommen hatten, weder von den Lauten der Artgenossen noch von denen der Fressfeinde geleitet wurden (Gulland et al., 2008). Eine weitere Studie verdeutlicht die Reaktionen auf Boote, z. B. bei Whale-Watching-Touren. Diese zeigt, dass es zu einer Vermeidungsreaktion kommt: Der Lärm führte beim Buckelwal zu einer erhöhten Schwimmgeschwindigkeit, erhöhter Atmungsfrequenz und verringerten Tauchphasen (Currie et al., 2021). Solche Fluchtreaktionen sind sehr energieaufwendig, vor allem für ohnehin geschwächte Tiere.

Für den praktischen Einsatz gilt deshalb, dass man einen Buckelwal nicht zuverlässig mit Ruftönen “anlocken” und schon gar nicht präzise in Richtung Nordsee dirigieren kann.

Die geografische Beschaffenheit der Ostsee erschwert den Weg in den Atlantik: Sie ist vergleichsweise flach und durch zahlreiche Sandbänke, Buchten sowie ausgedehnte Küstenabschnitte geprägt. Ein kurzfristiges Begleiten des Tieres in flacheren Gewässern kann unter Umständen gelingen, eine durchgehende Eskorte bis in den Atlantik ist jedoch nicht realisierbar.

Können Hilfsmittel eingesetzt werden, um den Wal in den Atlantik zu bringen?

Der Einsatz von Hilfsmitteln, um den Wal zurück in den Atlantik zu führen, ist nach aktuellem Forschungsstand nicht erfolgversprechend. Frühere Versuche, verirrte Großwale mithilfe akustischer Lockmittel zu lenken, zeigten keine nachweisbare Wirkung (Gulland et al., 2008).

Auch der Einsatz von Pheromonen zur Lenkung von Buckelwalen stellt keine geeignete Maßnahme dar. Zwar nutzen Buckelwale diese während der Paarungszeit in tropischen Gewässern zur Partnerwahl, sie spielen jedoch keine Rolle bei der Navigation oder Orientierung der Tiere.

Kann das Netz aus dem Maul entfernt werden?

Eine Entfernung des Netzes aus dem Maul des Wales ist derzeit nicht möglich. Als Wildtier lässt sich der Wal nicht gezielt kontrollieren oder zu einem bestimmten Verhalten veranlassen. In der Wismarer Bucht befand sich das Tier zudem im Wasser mit einer Tiefe von etwa 1,60 bis 2 Metern, was den Zugang zusätzlich erschwerte.

Darüber hinaus müsste der Wal sein Maul aktiv öffnen, um eine Entfernung der Netzreste zu ermöglichen. Diese sind jedoch bereits so weit zurückgeschnitten, dass sie von außen nicht mehr erreichbar sind. Des Weiteren ist derzeit unklar, ob und wie weit die Netzreste im Maul oder gar tiefer eingewachsen sind.

Kann der Zustand der Haut verbessert werden?

Eine gezielte Verbesserung des Hautzustands ist unter den gegebenen Umständen nicht möglich. Die Hautveränderungen des Buckelwals sind mit der sogenannten „Fresh water skin disease“ (Duignan et al., 2020) vereinbar, einer Erkrankung, die auftritt, wenn Wale über längere Zeit in Gewässern mit zu geringem Salzgehalt verbleiben, wie etwa in der Ostsee. Typische Symptome sind großflächige Hautläsionen und Geschwüre; chronische Wunden können zudem von Algen- oder Pilzbewuchs überlagert werden. Bei anhaltender Belastung drohen Überwässerung, Elektrolytstörungen und im schlimmsten Fall Organversagen.

Eine medizinische Behandlung vor Ort ist kaum durchführbar. Ein ausgewachsener Buckelwal wiegt mehrere Dutzend Tonnen und verfügt über eine sehr dicke Fettschicht (Blubber). Zudem handelt es sich um ein Wildtier mit erheblicher Kraft, sodass bereits leichte Bewegungen ein erhebliches Risiko für Einsatzkräfte darstellen.

Auch eine medikamentöse Behandlung, etwa durch Injektionen, ist technisch schwierig und mit Unsicherheiten verbunden. Nadeln müssten tief eindringen, um wirksam zu sein, wobei sich Wirkstoffe im Fettgewebe oft ungleichmäßig verteilen. Die Wirksamkeit intramuskulärer oder subkutaner Medikamentengaben ist bei frei schwimmenden Großwalen technisch und pharmakologisch schwer vorherzusagen.

Sollte der Wal jedoch den Weg zurück in den Atlantik finden, bestehen gute Chancen, dass sich der Hautzustand verbessert, sofern die Hautprobleme überwiegend auf die niedrige Salinität zurückzuführen sind.

Gibt es fundierte Kenntnisse zum Einsatz von Antibiotika?

Antibiotikagaben bei frei schwimmenden Großwalen sind beschrieben, bleiben aber seltene Einzelfallmaßnahmen mit begrenzter Evidenz. Die Studienlage ist jedoch bislang sehr begrenzt, sodass belastbare Erkenntnisse zu Wirksamkeit, geeigneter Dosierung und möglichen Nebenwirkungen fehlen.

Vor diesem Hintergrund ist ein Einsatz beim derzeitigen Tier in der Ostsee nicht zu empfehlen. Zusätzlich sprechen auch die praktischen Rahmenbedingungen – insbesondere die eingeschränkte Zugänglichkeit des Wales und die damit verbundenen Risiken – gegen eine Durchführung.

Kann der Buckelwal gefüttert werden?

Buckelwale sind spezialisierte Filterfresser. Anders als viele andere Tiere können sie ihre Beute nicht einzeln greifen oder aktiv „fressen“. Stattdessen nutzen sie eine hochspezialisierte Jagdtechnik: das sogenannte Lunge-Feeding. Dabei schwimmen die Tiere mit relativ hoher Geschwindigkeit in dichte Schwärme aus Krill oder kleinen Fischen wie Heringen hinein, öffnen ihr Maul weit und nehmen enorme Mengen Wasser auf. Anschließend pressen sie das Wasser durch ihre Bartenplatten. Das Wasser wird wieder hinausgedrückt, während die Nahrung im Maul zurückbleibt und geschluckt wird. Dieses System funktioniert nur, wenn sehr viele Beutetiere gleichzeitig vorhanden sind. Einzelne Fische, die man dem Wal hinhält, können auf diese Weise schlicht nicht aufgenommen werden.


Quellen

Currie, J., J., McCordic, J. A., Olson, G. L., Machernis, A. F., Stack, S. H. (2021): The Impact of Vessels on Humpback Whale Behavior: The Benefit of Added Whale Watching Guidelines. Frontiers in Marine Science 8:601433.

Gulland, F. M. D., Nutter, F., Dixon, K., Calambokidis, J., Schorr, G., Barlow, J., Rowles, T., Wilkin, S., Spradlin, T., Gage, L., Mulsow, J., Reichmuth, C., Moore, M., Smith, J., Folkens,P., Hanser, S. F., Jang, S., Baker, S. (2008): Health Assessment, Antibiotic Treatment, and Behavioral Responses to Herding Efforts of a Cow-Calf Pair of Humpback Whales (Megaptera novaeangliae) in the Sacramento River Delta, California. Aquatic Mammals 34 (2): 182-192.

McCowan, B., Hubbard, J., Walker, L., Sharpe, F., Frediani, J., Doyle, L. (2023): Interactive bioacoustic playback as a tool for detecting and exploring nonhuman intelligence: “conversing“ with an Alaskan humpback whale. PeerJ 11:e16349