Neben der Frage nach den Überlebenschancen in der Nordsee oder im Nordatlantik stellt sich daher außerdem die Frage, welche physischen und psychischen Schäden die geduldete Lebendbergung bei dem bereits fünfmal gestrandeten Tier hervorruft und was hinsichtlich des Tierwohles und -schutzes gebilligt werden kann. Das Deutsche Meeresmuseum betont, dass es bei der Bewertung der Situation des Buckelwales nicht um die technische Machbarkeit eines Transportes ging, sondern um das Wohl des Tieres und die Vermeidung jeglichen weiteren Leidens. Der Gesundheitszustand war bereits vor Wochen als besorgniserregend zu bewerten. Der nun begonnene mehrtägige Transport des Wals per Barge wird sehr wahrscheinlich zu weiterem Stress und eventuellen Verletzungen führen.
Die auf Akustik spezialisierten Wissenschaftler*innen des Deutschen Meeresmuseums gehen davon aus, dass insbesondere der durch Schiffsmotoren entstehende Lärm in die Barge geleitet wird. Diese wirkt als Resonanzkörper, innerhalb dessen die Schallreflexionen eine konstant sehr hohe Lärmbelastung für das Tier verursachen. Auch Motorlärm von Begleitschiffen und selbst Wellenschlag tragen zu einem konstant hohen Schallpegel innerhalb des Metallkörpers bei. Messungen des Schallpegels und der Frequenz innerhalb der Barge bei voller Fahrt und ein Abgleich mit dem Audiogramm (frequenzabhängige Hörempfindlichkeit) von Buckelwalen werden nach Kenntnis des Deutschen Meeresmuseums nicht durchgeführt. Eine temporäre oder gar dauerhafte Schädigung des Hörvermögens kann somit nicht ausgeschlossen werden.
Das Abladen des Tieres ins offene Meer birgt die Gefahr, dass es ertrinkt. Es ist sehr geschwächt und findet im offenen Meer keine Möglichkeit, sich abzulegen. Von einer Rettung des Wales kann erst dann gesprochen werden, wenn er sich als Einzelindividuum selbstständig und dauerhaft auf seiner gewöhnlichen Route im Nordatlantik bewegt, wenn er selbstständig frisst und sich sein Gesundheitszustand verbessert. Daher ist eine vollständige Dokumentation bis zum Eintreten dieser Aspekte für die Einschätzung der gesamten Maßnahme essenziell. Insbesondere die öffentliche Verfügbarkeit der Trackerdaten in Echtzeit sowie Live-Videomaterial vom Wal während des Transports und während der Freilassung sind grundlegend für eine transparente Vorgehensweise und um wertvolle Erfahrungen für zukünftige Bergungen sammeln zu können.
Während das Einzelschicksal des Buckelwals auch die Forscher*innen des Deutschen Meeresmuseums weiterhin bewegt, bittet das Deutsche Meeresmuseum Politik, Forschung und Zivilgesellschaft darum, sich nun verstärkt für einen verbesserten Schutz der Meere mit ihren vielfältigen Lebensräumen und Lebewesen einzusetzen.
Weiterführende Informationen
Vorherige Updates über den Buckelwal in der Ostsee