(Stralsund, 21.04.2026) Dr. Timo Rittweg widmete sich in seiner Doktorarbeit „Thermosaline Nische, Ressourcennutzung und Wachstum eines stenohalinen Süßwasserraubfisches in Brackwasserökosystemen und angrenzenden Zuflüssen der südlichen Ostsee“ einer bedeutenden Fischart, der bislang wissenschaftlich wenig Aufmerksamkeit zuteilwurde: Bei den Küstenhechten der inneren Küstengewässer Mecklenburg-Vorpommerns handelt es sich um eine Süßwasserfischart, die sich an das Leben im Brackwasser angepasst hat. Rittweg fand heraus, dass um Rügen eine ungeahnt hohe Biodiversität innerhalb der Hechtpopulationen existiert. Die Population ist in drei genetisch isolierte Untergruppen aufgeteilt, die sich stark in ihrem Wander- und Fressverhalten unterscheiden. Hechte, die sich an das Leben und die Fortpflanzung im Brackwasser angepasst haben, konzentrieren sich etwa mit zunehmender Größe stärker auf marine Beute. Besonders frühjahrslaichende Heringe stellen eine wichtige Nahrungsquelle dar. Dieses Ergebnis zeigt, wie die Entwicklung der offenen Ostsee in die Dynamik der Fische in den inneren Boddengewässern rückkoppelt. Das altersspezifische Wachstum zwischen den Untergruppen unterscheidet sich, jedoch sind die lebenslange Wachstumsleistung und damit die individuelle Fitness dieselbe. Das ermöglicht den Teilpopulationen ein Bestehen nebeneinander. Ein weiteres zentrales Ergebnis der Dissertation war, dass korrekte Alterslesungen ausschlaggebend für die Planung von ökologisch nachhaltigen Fangbestimmungen sind. So flossen die Erkenntnisse Rittwegs zur Wachstumsbiologie der Hechte und zur Biodiversität der Hechtpopulation in die Erarbeitung von neuen Bewirtschaftungs- und Schutzkonzepten für den Brackwasserhecht.
Erkenntnisse für die Fischerei
Juliane Ewald untersuchte in ihrer Masterarbeit „Begrenzte Habitatverfügbarkeit für demersale Fische in der westlichen Ostsee: Modellierung der räumlich-zeitlichen Dynamik bei Hypoxie und Erwärmung“, wie sich die Umweltänderungen der zurückliegenden fünf Jahrzehnte auf die Habitat-Eignung für kommerziell genutzte Bodenfischbestände ausgewirkt haben. Sie konzentrierte sich dabei neben dem Dorsch auf Scholle, Flunder und Kliesche, die drei wichtigsten Plattfischarten in der westlichen Ostsee. Der Fokus lag auf den Veränderungen von Wassertemperatur und Sauerstoffgehalt am Meeresboden. Ewald konnte die erheblichen Lebensraumverluste für die Bodenfische, insbesondere in den Sommermonaten, flächenmäßig dokumentieren. In den flacheren westlichen Bereichen stellte sie vor allem eine Erwärmung, in den tieferen östlichen Bereichen Sauerstoffmangel fest. Sie kam zu dem Ergebnis, dass insbesondere die Klimaerwärmung und weniger der Sauerstoffmangel die Erholungsmöglichkeiten von Dorsch und Plattfischen der westlichen Ostsee einschränkt. Das zeigt, dass beim Management der Ostseefischerei nicht nur Fangquoten, sondern auch der Umweltzustand und klimabedingte Veränderungen berücksichtigt werden sollten.
Innovativ
Auch Dr. Anika Preuss widmete sich in ihrer Doktorarbeit „Strukturelle und biomechanische Anpassungen von Arthropodenparasiten an das Leben auf Meeressäugern“ einem kaum erforschten Themenfeld. Bei Arthropodenparasiten handelt es sich um Gliederfüßer wie Seehundläuse, Nasenmilben und Walläuse. Sie leben auf und in Meeressäugern und sind damit Bewohner einer der extremsten ökologischen Nischen des Planeten. Sie müssen sich an starke Strömungen, hohen Druck, wechselnde Temperaturen und Sauerstoffmangel anpassen – Bedingungen, unter denen nur wenige Organismen überleben können. In ihrer Arbeit konnte Preuss erstmals zeigen, mit welchen biomechanischen Strategien diese Arthropoden das scheinbar Unmögliche vollbringen: sich zu verankern, zu bewegen und zu atmen, während ihre Wirte bis zu circa 600 Meter tief tauchen. Die Seehundlaus etwa zeigt die stärkste bislang jemals gemessene Haftkraft eines Insekts relativ zum Körpergewicht. Übertragen auf den Menschen hieße das: Würde ein Mensch an einer Klippe festhängen, während sich über hundert Elefanten an den Füßen befänden, verlöre er dennoch nicht den Halt. Gemeinsam mit Wissenschaftler*innen aus Dänemark überführt Preuss diese Prinzipien derzeit in Technologieentwicklungen, etwa in bioinspirierte Unterwasser-Greifsysteme. Darüber hinaus liefert die Arbeit neue Erkenntnisse zu den parasitären Wechselwirkungen zwischen diesen Arthropoden und ihren Wirten. Marine Säuger wie Seehunde und Wale sind durch die Parasiten nicht nur mechanischen, sondern auch potenziell pathogenen Belastungen ausgesetzt. Ein besseres Verständnis der physiologischen und strukturellen Anpassungen dieser Parasiten kann daher auch zum Schutz der betroffenen Wirtsarten beitragen – etwa im Hinblick auf Gesundheitsmonitoring, Populationsdynamiken und den Einfluss von Umweltveränderungen auf Krankheitsübertragungen. Gerade für den Ostseeraum, in dem Seehundbestände eine Schlüsselrolle im ökologischen Gefüge spielen, sind solche Erkenntnisse von besonderer Bedeutung. Sie tragen unmittelbar zum Verständnis der Gesundheit mariner Säuger und damit zum Schutz der Biodiversität in einem sensiblen, von Klimawandel und von menschlichen Einflüssen geprägten Lebensraum bei.
Der Preis der „Forschungsstiftung Ostsee“ wird jährlich ausgelobt. Er wird an Nachwuchswissenschaftler*innen für herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der Erforschung der Fauna und Flora der Ostsee, der angrenzenden Gewässer und Küstenlebensräume sowie der Erforschung der Einwirkungen durch die zunehmende wirtschaftliche Nutzung auf die marine Umwelt vergeben. Der Preis ist mit 2000 Euro für Masterarbeiten bzw. wissenschaftliche Abschlussarbeiten von Lehramtsstudent*innen und mit 5000 Euro für Dissertationsschriften dotiert.
Dr. Timo Rittweg studierte Biologie (Bachelor of Science) an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und Meeresbiologie (Master of Science) an der Universität Rostock. Seine Dissertation schrieb er am Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach Tätigkeiten an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und am Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei arbeitet er derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Johann Heinrich von Thünen-Institut – Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei.
Juliane Ewald studierte Biologie (Bachelor of Science) an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Integrative Zoologie (Master of Science) an der Universität Rostock.
Dr. Anika Preuss studierte Biowissenschaften (Bachelor/Master of Science) an der Universität Münster und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der University of Roehampton, in der Forschungsstation des Comoé-Nationalparks sowie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Derzeit ist sie dort weiterhin als wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) in der Abteilung für Funktionelle Morphologie und Biomechanik, AG Gorb tätig. Zudem arbeitet sie als Spezialistin für maritime Nachhaltigkeit und Recht bei dem auf die maritime Industrie spezialisierten Beratungsunternehmen Atrium Environmental.
Weitere Informationen finden Interessierte unter
www.deutsches-meeresmuseum.de/forschungsstiftung-ostsee