Unsere Felsen in der Brandung

Während der Schließungen der Standorte des Deutschen Meeresmuseums aufgrund der Coronakrise herrschte Stille in den Aquarien- und Ausstellungsrundgängen. Aber auch hinter den Kulissen war Ruhe eingekehrt. 

Viele der rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter blieben zu Hause. Einige Wenige hielten die Stellung und konzentrieren sich auf die wichtigsten Dinge.

Wir haben unsere Kolleginnen und Kollegen besucht und mit dem nötigen Sicherheitsabstand gefragt, was sie denken und fühlen. Was hat sich durch die Krise verändert? Worauf kommt es jetzt besonders an?

Entdecken Sie hier in der Reihe „Unsere Felsen in der Brandung“ Beiträge über unsere Kolleginnen und Kollegen.

Seit der Schließung des OZEANEUMs aufgrund der Coronakrise kann der Techniker Kay Schulte alle Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten im Besucherbereich auch tagsüber ausführen. Sonst blieben dafür nur die Nacht oder der frühe Morgen, da das Museum normalerweise an sieben Tagen in der Woche geöffnet hat.

Wenn im OZEANEUM wieder Gäste begrüßt werden können, wurden von den Technikern inzwischen viele Reparatur- und Erneuerungsarbeiten erledigt.
Die Linie, die die Besucherinnen und Besucher durch das Haus führt, glänzt wieder in sattem Orange. Kay sagt, alle Maßnahmen zur Einhaltung der Hygiene- und Schutzrichtlinien umzusetzen, stelle eine große Herausforderung dar, aber er freut sich sehr auf die Wiedereröffnung: „Die Stimmung ist ohne Gäste äußerst bedrückend.“ 

Ria Schmechel, Teamleiterin der Museumspädagogik am Deutschen Meeresmuseum, organisiert derzeit vor allem das Homeoffice ihrer Kolleginnen und Kollegen.
Sie beantwortet Anfragen von Gruppen, denen aufgrund der aktuellen Museumsschließungen abgesagt werden muss oder die sich für einen zukünftigen Besuch interessieren.

Für die Internetseite kindermeer.de entwickelt sie mit ihrem Team neue Inhalte. Ria findet, dass die Coronakrise für alle eine große Herausforderung darstellt und einen hohen Grad an Flexibilität erfordert, aber auch neue Chancen bietet:
„Wir merken jetzt natürlich, wie sehr uns die Gäste fehlen, dennoch haben wir nun Gelegenheit uns neu zu sortieren, neu ins Gespräch zu kommen, anders miteinander zu kommunizieren. Ich persönlich überdenke auch Wertigkeiten: Manches erscheint jetzt weniger wichtig, anderes umso mehr.“

Dr. Sabine Brasse, die Abteilungsleiterin der Ausstellungen und Vermittlung, sitzt – wie auch vor den Schließungen aufgrund der Coronakrise – viel in ihrem Büro und neigt ihren Kopf über zahlreiche Grundrisse und Visualisierungen des MEERESMUSEUMs.

Sie arbeitet intensiv an der Ausstellungskonzeption, die im Rahmen der Modernisierung des Museums ab 2021 umgesetzt werden soll. Auch wenn gerade scheinbar die ganze Welt zum Stillstand gezwungen ist, darf sie sich keine Pause gönnen. Durch die Coronakrise ist die Kommunikation innerhalb der vielen beteiligten Teams schwieriger geworden, insbesondere mit dem Planungsbüro
„Die Werft“, das in München sitzt.

„Alle Abstimmungstreffen mussten abgesagt werden und nicht immer ist der digitale Kommunikationsweg eine ausreichende Alternative“, bedauert Sabine.

Kevin Kleemann arbeitet seit über zehn Jahren als Tierpfleger im OZEANEUM und ist damit Dienstältester in der Abteilung. Seine Erfahrung erleichtert es ihm jetzt, sich neu zu organisieren. Er weiß, worauf es ankommt.

 

Die Teams arbeiten derzeit in einem besonderen Schichtsystem. Keiner darf krank werden und ausfallen. Kevin bereitet drei Mal in der Woche 40 Kilogramm Futter jeweils für den Tag allein vor – auftauen, schneiden, in Schüsseln verteilen. Die Tierpflegerinnen und Tierpfleger in den Aquarien des Deutschen Meeresmuseums füttern täglich fast 10.000 Meerestiere.

„Die Versorgung der Lebewesen, die sich in unserer Obhut befinden, hat oberste Priorität. Ihnen muss es gut gehen. Alles andere wird hintangestellt“, sagt Kevin nachdrücklich. Die Stimmung im Team sei im Allgemeinen sehr gut: „Wir halten zusammen.“

Linda Westphal, Projekt-Wissenschaftlerin im Forschungsprojekt „Kegelrobben der deutschen Ostsee“, steht auch während der Coronakrise in der Sektionshalle des Deutschen Meeresmuseums und bereitet Proben auf (hier mit Student Leon Rostock) – Muskulatur, Nieren, Leber und Fett von 35 der in den letzten Jahren in Mecklenburg-Vorpommern tot aufgefundenen Kegelrobben.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Deutschen Meeresmuseums arbeiten ansonsten im Homeoffice. „Da wir alle in den letzten Jahren mehr als genug Daten gesammelt haben, die darauf warten, endlich ausgewertet zu werden, gibt es auch in der Heimarbeit genug zu tun“, meint Linda.

Die enge Kommunikation innerhalb der Arbeitsgruppe läuft jedoch weiter, nun aber über regelmäßige Video-Meetings, Telefon und E-Mail: „Der persönliche Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen fehlt mir natürlich trotzdem sehr und ich komme derzeit auch nicht raus zu den Kegelrobben, um neue Daten aufzunehmen. Darauf freue ich mich sehr, wenn alles überstanden ist.“

 

 

Sigrid Wewezer arbeitet seit 33 Jahren als Tierpflegerin im MEERESMUSEUM. Solche besonderen Umstände hat sie in all der Zeit noch nicht erlebt und dennoch ist ihre Verantwortung für die Tiere in ihrer Obhut gleichermaßen groß.

In der ersten Woche nach der Schließung des Museums genoss sie die Ruhe und die Tatsache, nicht mehr auf die Uhr schauen zu müssen. Der Zeitdruck, alle Tätigkeiten in der Ausstellung bis zur täglichen Öffnung um 10 Uhr zu erledigen, fällt derzeit weg.

„Seit der zweiten Schließungswoche vermisse ich die Besucher aber schon“, stellt Sigrid fest, „denn für sie machen wir das ja alles“. Die Tiere bemerken auch, dass etwas anders ist und die Gäste fehlen: „Sie registrieren, dass keiner vor den Scheiben steht und die Beleuchtung etwas heruntergefahren wurde.“  

Stefan Schmidt fungiert gemeinsam mit Andreas Tanschus, einem der beiden Direktoren des Deutschen Meeresmuseums, als Projektleiter der Modernisierung des MEERESMUSEUMs.

Der Ingenieur organisiert, trotz Coronakrise, weiterhin intensiv alle Besprechungen und Bauvorhaben.
Die größte Veränderung war für ihn die Umstellung von der analogen zur digitalen Kommunikation. Absprachen mit dem Stuttgarter Büro „Reichel Schlaier Architekten“, Fachplanern, Baufirmen und anderen Mitwirkenden finden jetzt in Telefon- oder Videokonferenzen statt. „Ich finde das recht komfortabel, da alle Beteiligten ohne großen Reiseaufwand miteinander sprechen können“, resümiert er positiv.

Demnächst beginnen schon die ersten Abrissarbeiten und bodenarchäologischen Untersuchungen. Stillstand gibt es für Stefan nicht. Er blickt gelassen auf die Lage: „Ich hatte keine Probleme mich auf die Gegebenheiten einzustellen, ich musste in meinem Beruf schon immer recht flexibel sein.“

Luise Stude ist für das gesamte Online-Marketing des Deutschen Meeresmuseums verantwortlich. Sie betreut die Webseiten und alle Social-Media-Kanäle.

Seit den Museumsschließungen aufgrund der Coronakrise versucht Luise intensiv, alles was sonst in den Rundgängen vermittelt wird, auch virtuell erlebbar zu machen. Interessierte erhalten so zahlreiche Informationen über die Meereswelt, können selbst aktiv werden und hinter die Kulissen der Museen blicken. Luise arbeitet derzeit viel im Homeoffice und muss deshalb noch besser als sonst planen: „Ich muss mir jetzt noch genauer überlegen, was ich wann umsetze, wann ich selbst in das Museum komme und womit ich meine Kolleginnen beauftragen kann.“

Luise vermisst jetzt vor allem die Spontaneität und die Arbeit im Team: „Gerade die Social-Media-Arbeit lebt vom gemeinsamen kreativen Austausch, der zurzeit leider nur sehr eingeschränkt möglich ist.“

Michaela Pohlemann, Sekretärin, unterstützt seit den durch die Krise bedingten Museumsschließungen, kurzfristig beide Direktoren des Deutschen Meeresmuseums.

Normalerweise arbeitet sie im OZEANEUM ausschließlich für Dr. Harald Benke, jetzt tippt sie im MEERESMUSEUM für Andreas Tanschus auf die Computertastatur.

An die anderen Aufgaben und Strukturen muss sie sich erst noch gewöhnen, aber Michaela freut sich auch, dass sie so mehr Kontakt zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat, die im MEERESMUSEUM in ihren Büros sitzen: „Es ist für mich eine Bereicherung, hier die Kolleginnen und Kollegen besser kennenzulernen – natürlich mit dem notwendigen Sicherheitsabstand.“

Die Museumspädagogin Birgit Kadach arbeitet im Ausstellungsteam für die Modernisierung des MEERESMUSEUMs.

Seit das Museum wegen der Coronakrise geschlossen werden musste, widmet sie sich dieser Aufgabe zu einhundert Prozent. Besuchergruppen kann sie derzeit nicht mehr durch das Museum führen. Ihr Schwerpunkt liegt nun auf der pädagogischen Umsetzung der zukünftigen Ausstellungen, insbesondere auf den digitalen und analogen Stationen für Kinder.

Wenn sie allein im leeren Museum steht, um ihre Ideen zu notieren, überkommt sie gelegentlich ein Gefühl der Einsamkeit: „Zwar bemerke ich auch eine positive Entschleunigung, die durch die Krise gewissermaßen eingetreten ist, aber ihre enormen Auswirkungen, wie die totale Einschränkung der zwischenmenschlichen Beziehungen – sowohl beruflich als auch familiär – belastet mich schon ziemlich.“

Der Betriebsrat des Deutschen Meeresmuseums ist in dieser für alle äußerst angespannten Zeit besonders bemüht, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Verunsicherung zu nehmen.

Viele rechtliche Fragen müssen schnell geklärt und mit der Arbeitgeberin die bestmöglichen Vereinbarungen ausgehandelt werden. Eine Herausforderung besteht dabei vor allem darin, in der Coronakrise die Beschlussfähigkeit zu bewahren und effektiv zu kommunizieren.

Bisher gelang das alles sehr gut.
„Die Stiftung Deutsches Meeresmuseum ist uns bei wichtigen Themen sehr entgegengekommen, das erkennen wir ihr hoch an“, äußert sich Eva Klooth, Vorsitzende des Betriebsrates, zufrieden.
Für den Betriebsrat ist es wichtig, dass alle Beschäftigten auf seine Unterstützung vertrauen und das Gefühl haben, die schwierige Situation gemeinsam meistern zu können.

Andreas Tanschus, neben Dr. Harald Benke einer der beiden Direktoren des Deutschen Meeresmuseums, konzentriert sich in der Coronakrise vor allem auf das operative Geschäft.
Konzeptionelle Projekte sind bis auf die Modernisierung des MEERESMUSEUMs zunächst auf Eis gelegt. Sein Hauptaugenmerk liegt nun darauf, den Notbetrieb und die Grundversorgung innerhalb der Standorte zu sichern und die Zahlungsfähigkeit des Museums zu gewährleisten.
Der Direktor legt besonderen Wert darauf, dass die notwendige Kurzarbeit so vertretbar und sozial wie möglich für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist. „Ich bin sehr froh, dass alle Kolleginnen und Kollegen mitziehen und so umsichtig mit der für uns alle schwierigen Lage umgehen“, sagt Andreas Tanschus.
Obwohl er die Stille in den Ausstellungen als äußerst bedrückend empfindet, sieht er auch Chancen: „Man lernt wieder, Alltägliches wertzuschätzen und dass am Ende das Miteinander zählt. Finanzielle Schäden lassen sich meist irgendwie kitten.“

Am Arbeitsalltag von Arne Pfeifer, Aquarientechniker im OZEANEUM, änderte sich bisher durch die Coronakrise nicht viel.
Er sorgt weiterhin dafür, dass alle technischen Anlagen reibungslos laufen, baut Hilfsmittel, reinigt Pumpen und Sensoren.

Arne ist für den Nordsee-Nordatlantik-Rundgang verantwortlich, hilft aber auch mal im Ostsee-Aquarium aus.
„Im Team unterstützen wir uns so gut wie möglich“, sagt er, „aber das haben wir schon immer so gemacht.“ Die Reinigung der Scheiben im Rundgang muss derzeit nicht bis zur Öffnung des Museums um 9:30 Uhr erledigt sein und es ist insgesamt ruhiger, wie er meint: „Dennoch ist die Situation für alle sehr außergewöhnlich. Noch genieße ich ein bisschen die Ruhe, aber ich weiß, dass ich die Gäste bald vermissen werde und natürlich habe ich – wie viele – Bedenken, was die wirtschaftliche Situation betrifft.“

Die Abteilung Besucherservice des Deutschen Meeresmuseums trifft die Coronakrise besonders hart.
Die Kolleginnen und Kollegen befinden sich zu einhundert Prozent in Kurzarbeit.
Juana Häusler, Leiterin des Besucherservice aller vier Einrichtungen, ist nun vor allem mit der innerbetrieblichen Kommunikation betraut. Sie informiert ihr über 70-köpfiges Team aus Festangestellten, Aushilfen und Saisonkräften regelmäßig über aktuelle Entwicklungen. Juana muss zudem verschiedene Szenarien für die Wiedereröffnung der unterschiedlichen Museumsstandorte durchspielen. Sie stellt sich aber auch ganz grundsätzliche Fragen: „Mir gehen in solch einer schwierigen Lage natürlich auch arbeitsphilosophische Themen durch den Kopf. Wie sieht der Besucherservice nach der Krise aus? Wie gestaltet sich überhaupt das Arbeitsleben der Zukunft? Gibt es andere Lösungen, um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können? Kann man die Krise nutzen, um sich neu zu erfinden?“
Was Juana jedoch am meisten betont, ist, wie solidarisch ihr Team in dieser Extremsituation reagiert: „Trotzdem es mein Team besonders schwer getroffen hat, fragen mich Kolleginnen und Kollegen auch mal, wie es mir denn eigentlich dabei geht. Diese Menschlichkeit berührt mich.“