Sammlungen

Die vier wichtigsten Aufgaben eines Museums sind Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen. Gemäß seiner Spezialisierung bewahrt das DMM in seinen Magazinen bedeutendes wissenschaftliches Sammlungsgut zur Meeresbiologie, Fischerei, Meereskunde und Meeresgeologie. Nur durch die Sammlung sind museale Ausstellungstätigkeit und Forschung überhaupt erst möglich. Insofern ist die Beschaffung, Erhaltung, Konservierung und wissenschaftliche Bearbeitung von Objekten zur Entwicklung der spezifischen Sammlungsschwerpunkte wichtigste Aufgabe der Wissenschaftler des Museums.




Sammlung im Dach - © Deutsches Meeresmuseum

Diese Präparierten Fische, "Flüssigkeitspräparate", in den Sammlungen sind u.a. eine wichtige Grundlage für Forschungen.

Bild: Deutsches Meeresmuseum

Geschichte der Sammlungen

In ihrer thematischen Spezialisierung, die erst vor etwa 30 Jahren begann, sind die Sammlungen des Deutschen Meeresmuseums im Vergleich zu den Sammlungen anderer großer naturkundlicher Museen relativ jung. Allerdings begann der Aufbau der wissenschaftlichen Sammlung, damals noch ohne spezifisch marine Ausrichtung, schon viele Jahre vor der Gründung des Museums. Es war Prof. Otto DIBBELTs Jugendtraum, in seiner Vaterstadt Stralsund ein naturwissenschaftliches Museum aufzubauen.

So erwarb er schon 1925 für den Kolberger Naturwissenschaftlichen Verein das Skelett eines im August 1899 am östlichsten Mündungsarm der Oder bei Dievenow tot angetriebenen Finnwals. Vorher wurde dieser Wal im Strelasund und im Greifswalder Bodden beobachtet, offenbar auch gejagt und angeschossen. DIBBELT kaufte das Skelett dem Kaufmann KREBS und dem Dachdeckermeister SCHULZE aus Cammin für 1.000,- RM ab. Nach der Überführung der naturwissenschaftlichen Sammlungen nach Stralsund und Einlagerung im Rathaus in den Jahren 1942/43, wurde der Wal nach der Museumsgründung in der Katharinenhalle aufgestellt. DIBBELT hielt daran Vorlesungen über diese Giganten der Meere ab. In den ersten Nachkriegsjahren, ab 1947, nutzte DIBBELT jede weitere Möglichkeit, Sammlungsgut in Stralsund zu konzentrieren. Die Herkunft dieses Sammlungsguts war vielfältig. Es handelte sich um alte Schulbestände und Privatkollektionen, Jagdtrophäen aus Gutshäusern, exotische Tierpräparate aus Sammlerhand, Spenden aus der Bevölkerung, aber auch um wertvolle wissenschaftliche Privatsammlungen.

Unter der Leitung von Dr. Sonnfried Streicher fand die Profilierung zum Meereskundlichen Museum statt und der Sammlungsbestand wurde meeresbiologisch ausgerichtet. Nicht zu diesem Themenbereich gehörige Sammlungsteile wurden zwischen 1967 und 1977 an andere, für die entsprechenden Bereiche in der DDR zuständige Museen abgegeben. In Stralsund verblieben nur die Sammlungsteile mit maritimem Charakter, wie z. B. alle Meeresmollusken und andere wirbellose Meerestiere, alle Meeresreptilien, Meeresfische, Küsten- und Seevögel sowie die Meeressäugetiere und die Fossilien von Meerestieren.

Bei der Abgabe von Objekten an andere Museen erwarb das Meeresmuseum im Gegenzug umfangreiches meereskundliches Material, vor allem Korallen, Flüssigkeitspräparate von marinen Wirbellosen und Wirbeltieren sowie Skelette von Meeressäugern und Meeresschildkröten. Besonders alte und z. T. sehr wertvolle Exponate wurden vom Anatomischen und Zoologischen Institut der Universität Greifswald, vom Zoologischen Institut der Universität Rostock und vom Museum für Natur- und Völkerkunde „Julius Riemer“ in Wittenberg übernommen.

Zwischen 1967 und 1989 wurden wesentliche Teile, vor allem der Sammlungen an Meeresfischen und -vögeln, aus allen Hauptregionen des Weltmeeres durch Besatzungsmitglieder der Fischerei- und Handelsflotte der DDR zusammengetragen. Die Sammeltätigkeit dieser Fahrensleute war so ergiebig, dass die Menge des Gesammelten bis heute noch nicht vollständig aufgearbeitet werden konnte. Dieser Fundus wurde durch gezielt durchgeführte eigene Sammelreisen ergänzt, von denen als bisher erfolgreichste „Acropora 76“ und „Acropora 79“ zu nennen sind.

Auf diesen Expeditionen in das Rote Meer, die zusammengerechnet fast acht Monate dauerten, wurden weit über 6 000 Sammelproben aus tropischen Korallenriffen geborgen. Weitere Expeditionen in den siebziger und achtziger Jahren an warme ost- und westafrikanische Küsten, an die Schwarzmeerküste, an die Adria, an das Mittelmeer, aber auch in das nördliche Eismeer, erweiterten die Sammlungsbestände. Seit Bestehen des Museums engagierten sich eine Reihe von Personen für die Erweiterung der wissenschaftlichen Sammlung, indem sie ihre Privatsammlungen teilweise oder sogar komplett dem Deutschen Meeresmuseum übereigneten. Besonders erwähnenswert ist hier das Engagement von RUDI und LUZINDA ENZENROSS, auf deren Wirken eine wesentliche Erweiterung der Sammlungsbestände an Krebsen und Mollusken aus dem Mittelmeer und von der europäischen Atlantikküste zurückzuführen ist.


Sammlung Vögel - © Deutsches Meeresmuseum

In diesen Schränken lagern etwa 3.000 Eier von Meeres- und Küstenvögeln als wertvolle Belege.

Bild: Deutsches Meeresmuseum

Sammlungsschwerpunkte

Die zielgerichtete marine Spezialisierung des Meeresmuseums spiegelt sich deutlich in der Entwicklung und Zusammensetzung seiner Sammlungen wider. Die wichtigsten Sammlungsbereiche sind Geologie/Paläontologie, Meereskunde und Fischerei sowie die umfangreichen biologischen Sammlungen, die sich auf folgende Gruppen konzentrieren: Meeressäugetiere, Meeres- und Küstenvögel, Meeresreptilien, Meeresfische, Mollusken, Hohltiere, Krebse, Schwämme, Stachelhäuter, Meerespflanzen.

Neben diesen Sammlungsschwerpunkten werden gezielt Objekte der maritimen Philatelie, Kunst und Kultur und maritime Fotodokumente erworben. Spezifische Arbeiten des Museums werden in einem seit 1958 geführten Bildarchiv verwahrt, welches über EDV inventarisiert wird. In den Beständen der Bibliothek des Museums werden historische und aktuelle Informationsquellen verwaltet, die vorrangig die wissenschaftlichen und praktischen Tätigkeiten der Museumsmitarbeiter unterstützen.

Sammlungsbereich Geologie/Paläontologie

Schwerpunkte der Sammlungen sind Makrofossilien von Meerestieren und Gesteine mariner Entstehung. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Material aus dem Ostseeraum – sowohl aus den hier anstehenden paläozoischen und mesozoischen Sedimenten als auch um pleistozäne Geschiebe von der vorpommerschen Küste. Durch zielgerichtete Aufsammlung erweitert man diese Bestände fortlaufend. Außerdem werden charakteristische Sedimente vom Meeresboden und Strand sowie nutzbare Minerale und Gesteine vom Meeresboden und der Küste für künftige Ausstellungsvorhaben gesammelt. Auch ausgewählte attraktive Einzelobjekte von Fossilien hervorragender Qualität wurden besonders im Hinblick auf ihre spätere Präsentation erworben. Ein herausragendes Objekt dieses Sammlungsbereichs ist die Kalksteinplatte „fossiler Meeresboden“, die am Beginn der Ausstellung präsentiert wird.

Sammlungsbereich Meereskunde/Meeresforschung

In diesem Bereich werden vor allen Dingen Geräte der Meeresforschung, auch sehr groß dimensionierte, gesammelt. Dabei reicht die Palette dieser überwiegend technischen Zeitzeugen von meereskundlichen Forschungsgeräten, die der Bestimmung chemischer, physikalischer, geophysikalischer und meteorologischer Verhältnisse und Vorgänge im Meeresbereich dienen, bis hin zu Ausrüstungen für die Taucherei, Tauchfahrzeugen und Tauchstationen. Wertvolle Objekte dieses Sammlungsbereiches sind das Unterwasserlabor „Helgoland“, die Unterwasserstation BAH 1, das Tauchboot „GEO“ im OZEANEUM sowie detailgetreue Modelle von Tauchfahrzeugen und Forschungsschiffen. 

Sammlungsbereich Fischerei

Im Vordergrund steht die Bewahrung ausgewählter Sachzeugnisse der deutschen Küsten- und Hochseefischerei, insbesondere von originalen Fang- und Arbeitsgeräten der vorpommerschen Küstenfischerei und der DDR-Fischerei. Dazu gehören auch originale Fischereifahrzeuge wie der 17-Meter-Kutter „Adolph Reichwein“ SAS 95, der 14-Meter-Holzkutter „Margarete“ SPA 2 und das Zeesboot STR 9 sowie mehr als 25 verschiedene Arbeitsboote von vorpommerschen Küstenfischern. Weiterhin sind in den Ausstellungen des Deutschen Meeresmuseums zahlreiche wertvolle Modelle von Fischereischiffen vorhanden.


Skelettsammlung  - © Deutsches Meeresmuseum

Blick in die Skelettsammlung im MEERESMUSEUM.

Bild: Deutsches Meeresmuseum

Biologische Sammlungen

Wesentlicher Schwerpunkt im Bereich der Sammlung mariner Wirbeltiere ist die Spezialkollektion „Robben- und Walfunde aus der Ostsee“. Die seit Jahrzehnten systematisch geführte Belegsammlung umfasst alle Skelette von an der deutschen Ostseeküste tot aufgefundenen Kleinwalen (364 Präparate) und Robben (rd. 200 Präparate) einschließlich ihrer wissenschaftlichen Kenndaten. Der Sammlungsbereich Robben/Seekühe beinhaltet vorwiegend Ohrenrobben, Hundsrobben und Walrosse sowie Seekühe aus allen Weltmeeren. Im Zuge der Profilierung erfolgte 1968 ein Austausch von Sammlungsgut mit dem Natur- und Völkerkundemuseum „Julius Riemer“. Auf diesem Wege kamen historisch wertvolle Meeressäugetiere wie der Schädel eines Stellerschen Seelöwen, der 1928 bei einer Tierfang-Expedition des Hamburger Tiergärtners Carl HAGENBECK erlegt wurde, ein Südafrikanischer Seebär von 1910, der aus

der Lüderitzbucht in Deutsch-Südwest-Afrika stammt und das Skelett des weiblichen Seeelefanten „Freia“, der 1939 im Zoologischen Garten Berlin starb, in die Sammlung.

Auf die Bedeutung des Sammlungsbereiches Wale wurde bereits mehrfach hingewiesen. Wichtige Objekte, die aus dem Zoologischen Museum der Universität Greifswald 1968 in unsere Sammlungen kamen sind: Das im Chor der Katharinenhalle hängende Finnwalskelett aus dem Jahre 1825, das Skelett des 1877 vor Hiddensee verendeten Entenwales und ein Schwertwalskelett von einem im Frühjahr 1851 bei Neu-Mukran/Rügen gestrandeten Tieres. Durch die Übernahme dieser drei historisch bedeutenden Walskelette hat das Deutsche Meeresmuseum die Nachfolge der so traditionsreichen Greifswalder Institution als „Wiege der deutschen Walforschung“ angetreten.

Im Sammlungsbereich Meeres- und Küstenvögel werden Meeresvögel aus aller Welt und Küstenvögel vor allem aus dem Nord- und Ostseeraum zusammengetragen. Diese Sammlung umfasst bisher knapp 1 400 Präparate. Von 1960 bis 1990, als das Museum die Staatliche Betreuerinstitution des Naturschutzgebietes „Inseln Oie und Kirr“ war, entstand durch das Erhalten der Totfunde dort eine Belegsammlung von diesen Inseln. Besonders von der Barther Oie trug der Vogelwärter Edmund STURMHOEFEL in dieser Zeit eine lokal wertvolle Sammlung nicht geschlüpfter tauber und verlassener Eier zusammen, die über 3 000 Stück von 34 Küstenvogelarten umfasst (z. B. 996 nur von der Lachmöwe, die die Variabilität hervorragend zeigen: Kein Ei gleicht dem anderen). Der Bestand einer alten Sammlung aus dem 19. Jahrhundert von nahezu allen europäischen Vogelfamilien beträgt etwa 1 500 Stück, darunter Eier vieler seltener und vom Aussterben bedrohter Arten.

Im Sammlungsbereich Meeresreptilien ist die 1965 vor Stralsund gefangene Lederschildkröte (Präparat in der Ausstellung „Mensch und Meer“) ein Objekt der biologischen Sammlung von internationalem Rang. Der Kopf und die inneren Organe des Tieres befinden sich in der Flüssigkeitspräparate-Sammlung. Teile des Panzers und das Skelett werden neben weiteren Meeresschildkrötenpanzern - die meisten stammen von der Expedition „Acropora 76“ aus dem Roten Meer – und zwei Seeschlangen, die im Aquarium gelebt haben, in der Sammlung aufbewahrt.

Meeresfische sind ein Hauptsammelgebiet des Deutschen Meeresmuseums. Auf vielen eigenen Sammlungsfahrten und in enger Zusammenarbeit mit der Fischerei und Handelsschifffahrt wurde eine bedeutende Sammlung von Meeresfischen aus der ganzen Welt zusammengetragen.

Die mehrere Tausend Objekte umfassende Sammlung besteht aus vorwiegend in Formaldehyd oder Alkohol fixierten Fischen. Herausragend sind Flüssigkeitspräparate wie ein Riemenfisch, ein Kragenhai und einige Tiefseefischarten. Daneben gehören etwa 800 Trockenpräparate, also Mumien, Dermoplastiken, Abgüsse und verschiedene Skelettfragmente zur ichthyologischen Sammlung. Besonderheiten der Sammlung sind der Abguss eines Quastenflossers und dessen Eier sowie Abgüsse großer Haiarten, wie z. B. von Riesenhai, Tigerhai und Fuchshai sowie großer Knochenfische, wie vom Roten Thun, vom Gotteslachs und vom Mondfisch. Historisch wertvoll sind mehrere Trockenpräparate von 1930 aus Chicago, die von der bekannten Fischereibiologin Erna MOHR beschriftet wurden.

Den Grundstock der Hohltier-Sammlung bildeten die Steinkorallen, die Museumsmannschaften während der beiden „Acropora“-Expeditionen 1976 und 1979 ins Rote Meer zusammentrugen. Hinzu kommen systematische Aufsammlungen von D. H. Kühlmann aus der Karibik und den Philippinen und die große Steinkorallensammlung von H. Schuhmacher aus dem Roten Meer, der Karibik und anderen Riffregionen der Welt. Sie bilden zusammen mit den Oktokorallen den Schwerpunkt der Hohltiersammlung.

Die Mollusken-Sammlung ist mit über 12 000 Sammlungspositionen die umfangreichste zoologische Sammlung des Deutschen Meeresmuseums. Bedeutende Sammlungseinheiten sind darin die vollständigen Sammlungsnachlässe der Malakologen F. BORCHERDING und H.V. MALTZAN. Neben den Mollusken der Nord- und Ostsee sind umfangreiche Aufsammlungen aus dem Mittelmeerraum, dem Roten Meer, der Karibik und von afrikanischen Küsten vorhanden. Die Krebse stehen innerhalb der Wirbellosensammlung des Museums mit 3 220 Objekten nach den Sammlungsbereichen Mollusken und Hohltieren an dritter Stelle im Umfang und in der wissenschaftlichen Bedeutung. Größtes und wertvollstes Präparat ist die Japanische Riesenkrabbe (männliches Tier: 3,5 Meter Spannweite der Scherenbeine). Der große Wert der Crustaceen-Sammlung liegt in der fast vollständigen Mittelmeersammlung. Stachelhäuter und Schwämme sind in der Sammlung bisher mit einigen Hundert Sammlungspositionen vertreten. Sie gerieten häufig als Beifänge in die Netze der Hochseefischerei und wurden an das Deutsche Meeresmuseum übergeben.

Im Sammlungsbereich der Meerespflanzen dominieren die Rot-, Braun- und Grünalgen, vor allem aus Nord- und Ostsee, aber auch aus dem Atlantik und aus tropischen Meeren. Daneben existiert ein umfangreiches Herbarium mit Pflanzen des Küstensaumes, vor allen Dingen von der vorpommerschen Boddenküste.